VKE - Verband der Vertriebsfirmen Kosmetischer Erzeugnisse e.V.

Bewusstsein für das Problem wecken

Das Geschäft mit gefälschten Kosmetikprodukten floriert. Wir sprachen mit Martin Ruppmann, VKE-Kosmetikverband, über notwendige Aufklärungsarbeit, den mühsamen Kampf gegen Fälscher in China und die Verantwortung der Verkaufsplattformen.

MARKENARTIKEL: Ein Thema, das die Kosmetikbranche nach wie vor umtreibt, ist die Produkt- und Markenpiraterie. Im vergangenen Jahr wurden vom deutschen Zoll Körperpflegeprodukte im Wert von 22,65 Millionen Euro sichergestellt. Die Anzahl beschlagnahmter Waren ist um 54 Prozent gestiegen. Verbuchen Sie dies als Erfolg oder beobachten Sie die steigenden Zahlen eher mit Sorge?

MARTIN RUPPMANN: Die dramatisch gestiegenen Aufgriffszahlen dokumentieren sicherlich die hervorragende Zusammenarbeit von Zoll und Industrie. Immer mehr kleine Postsendungen, aber auch große Containerlieferungen mit Produktfakes bleiben im Fahndungsnetz hängen. Und das ist natürlich ein Erfolg, denn diese Produkte landen nicht beim Verbraucher. Aber es wird auch deutlich, dass sehr viel Ware angeboten wird. Wie hoch die Gesamtzahl der gefälschten Kosmetika ist, die über unseriöse Vertriebswege ihren Weg an den Behörden vorbei auf den deutschen Markt findet, lässt sich nicht beziffern.

Martin Ruppmann, Geschäftsführer VKE-Kosmetikverband

MARKENARTIKEL: Und was schätzen Sie?

RUPPMANN: Wir gehen von einer weiterhin sehr hohen Dunkelziffer aus. Und das bereitet natürlich Sorgen. Gefälschte Kosmetika können zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Denken Sie alleine an die Gefahr von vermeintlicher Sonnenpflege, in der der hochwertige UV-Schutz fehlt. Wie in allen anderen betroffenen Branchen führt Produktpiraterie auch im Kosmetiksegment zu schweren Imageverlusten. Bei der Bekämpfung der Markenpiraterie geht es daher immer darum, erheblichen Umsatzeinbußen und damit verbundenen Arbeitsplatzverlusten in der Industrie, beim Fachhandel und den Zulieferbetrieben entgegenzuwirken. Das EU-Harmonierungsamt für den Binnenmarkt schätzt, dass europaweit 50.000 Stellen durch den Handel mit Fälschungen verloren gehen.

MARKENARTIKEL: Was tut die Kosmetikbranche konkret, um den Fälschern das Handwerk zu legen?

RUPPMANN: Um den Machenschaften der Produktpiraten die Stirn zu bieten, investieren gerade die Unternehmen des selektiven Kosmetikvertriebs jedes Jahr Millionen in die Bekämpfung der Aktivitäten der Fälschungsindustrie. Dazu gehören Gerichtsverfahren, Schulungen des Zolls, aber auch Investitionen in Sicherheitstechniken, die den Fälschern das Kopieren der Produkte erschweren sollen, sowie das konstante Monitoring der Vertriebskanäle. Ferner setzt die Industrie intensiv auf Verbraucheraufklärung. Konsumenten, die sich der gesundheitlichen Gefahren oder der deutlich minderen Qualität gefälschter Kosmetika bewusst sind und die richtigen Vertriebswege einfach und eindeutig identifizieren können, kaufen lieber sicher beim autorisierten Fachhändler – und das sowohl on- als auch offline.

SIEGEL FÜR AUTORISIERTE INTERNETHÄNDLER

SIEGEL FÜR AUTORISIERTE INTERNETHÄNDLERDas vom VKE-Kosmetikverband, dem Repräsentanten der Unternehmen des selektiven Kosmetikvertriebs, initiierte Siegel 'VKEAutorisierter Onlinehändler' soll den Internethandel mit gesundheitsgefährdenden Markenfälschungen und sogenannter Graumarktware, die oftmals überaltert ist und damit den Qualitätsstandards nicht mehr genügt, eindämmen. Autorisierte Vertragshändler der VKE-Mitgliedsunternehmen können ihre Onlineshops über das Siegel auf der Startseite kennzeichnen. So sollen die Verbraucher die Sicherheit erhalten, dass es sich um einen seriösen Onlineshop handelt, der auf vertraglicher Basis qualitativ einwandfreie und sichere Originalprodukte verkauft.

MARKENARTIKEL: Sie sprechen damit das vom VKE im Jahr 2013 eingeführte Siegel für autorisierte Online- Shops an. Wie funktioniert die Autorisierung konkret und wie wird das Siegel bisher vom Handel angenommen?

RUPPMANN: Seit Ende 2013 können autorisierte Vertragshändler der VKE-Mitgliedsunternehmen ihre Onlineshops über ein eingetragenes Siegel 'VKE-Autorisierter Onlinehändler' auf der Startseite kennzeichnen. Mit dieser Initiative zur positiven Kennzeichnung von Internetgeschäften erhalten die Kunden die Sicherheit, dass es sich um einen seriösen Webshop handelt, der auf vertraglicher Basis qualitativ einwandfreie und sichere Originalprodukte verkauft. Mittlerweile haben sich mehr als 500 Shops dieser Verbraucherschutzinitiative angeschlossen.

MARKENARTIKEL: 46,9 Prozent der gefälschten Waren kommen aus China, gefolgt von Hongkong mit 28,2 Prozent. Ist der Kampf gegen die Fälscher nicht eine Sisyphusarbeit, da letztlich immer wieder neue Produktionsstätten aus dem Boden sprießen und eine Kontrolle in diesen Ländern fast unmöglich ist?

RUPPMANN: China zählt weiterhin zu den Ländern, in denen massiv gegen Marken, Patente und Urheberrechte verstoßen wird. Das Land der Mitte ist zudem das herausragende Herkunftsland für Produktfälschungen. Die chinesische Regierung gibt seit Jahren regelmäßig Versprechungen zur Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte ab. Aber auf lokaler Ebene ist Pirateriebekämpfung oftmals für die Verantwortlichen von nachrangigem Interesse, weil häufig diejenigen Unternehmen, die am meisten zu den Gewinnen der Region beitragen – und sei es durch Herstellung oder Absatz von Piraterieprodukten –, von den örtlichen Funktionären unterstützt werden.

MARKENARTIKEL: Anlässlich des Welttages zum Schutz des geistigen Eigentums Ende April wurden auf Initiative des VKE-Kosmetikverbands in Zusammenarbeit mit den Hauptzollämtern Krefeld, Düsseldorf und Hamburg sowie dem Museum Plagiarius in Solingen Parfumfälschungen vernichtet. Auch, um das Bewusstsein der Verbraucher für das Problem zu schärfen?

Am 24. April 2015 wurden in Solingen Parfumfälschungen vernichtet. 7.680 Flakons gefälschter Düfte von Béaute Prestige International, Dior und L’Oréal wurden zerstört.

RUPPMANN: Die Vernichtungsaktion von knapp 8.000 gefälschten Düften ist Bestandteil unserer strategischen Partnerschaft mit dem Zoll. Gemeinsam arbeiten wir daran, möglichst viele Fälschungen zu beschlagnahmen. Aber auch der aktive Verbraucherschutz ist hier von Relevanz. Es gilt, die Konsumenten mit solchen aufmerksamkeitsstarken Aktionen wachzurütteln, um Problembewusstsein zu schaffen. Eine Vernichtungsaktion ändert zwar sicher nicht einen ganzen Markt, in dem Produktpiraterie als eine wesentliche Einnahmequelle der organisierten Kriminalität immer professionellere Strukturen bekommt, aber sie stellt das Problem plastisch dar.

MARKENARTIKEL: Gefälschte Kosmetikprodukte werden oftmals über das Internet verkauft. Der VKE fordert auch deshalb, die Verkaufsplattformen und Marktplätze mehr in die Verantwortung zu nehmen. Wie ist hier der Stand der Dinge?

RUPPMANN: Der deutliche Anstieg von Produktaufgriffen im Postverkehr um knapp zehn Prozent zeigt, dass Kosmetikprodukte aufgrund ihrer Kleinteiligkeit besonders häufig über das Internet direkt an die Konsumenten verkauft und verschickt werden. Die Verkaufsplattformen und Marktplätze verdienen zwar daran, entziehen sich aber bislang weitgehend ihrer Verantwortung. Deshalb muss die Politik dringend die entsprechenden rechtlichen Vorgaben ändern. Dies ist aber leider ein zäher Prozess.

Interview: Vanessa Göbel